Eigentlich habe ich kein Luxus­problem

Die meisten Menschen stehen die meiste Zeit ihres Lebens irgendwie unter Druck. Sie müssen sich am Arbeitsplatz behaupten, einen Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin finden oder Kinder aufziehen. Ihr Leben ist voller Herausforderungen, und kaum haben sie ein Problem gelöst, zeigen sich neue Notwendigkeiten oder Hindernisse. In diesem täglichen Lebenskampf stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht – besteht er nur darin, sich im Alltag zu behaupten?

Wem es gelungen ist, Schätze anzureichern und sich zurücklehnen und das Erreichte zu geniessen, merkt irgendwann, dass das so nicht genügt. Die meisten Menschen erfüllt es nämlich nicht, sorgenfrei zu leben und die reine, unbelastete Existenz zu geniessen. Wir brauchen offenbar – im Unterschied zu Tieren und Pflanzen – einen Sinn im Leben. Vielleicht deshalb, weil nur wir Menschen wissen, dass alles ein Ende hat. Generationen von Philosophen haben gesucht. Aber keiner hat eine definitive, allgemein anerkannte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden. Viele meinen, es gebe gar keinen. «Der Sinn des Lebens ist das Leben», hat Goethe gesagt. Der Sinn einer Eiche ist es, eine Eiche zu sein und sonst nichts. Der Sinn einer Rose ist es, eine Rose zu sein. Und der Sinn des menschlichen Lebens ist das menschliche Leben. Manchmal reicht uns das, und wir können unsere Lebendigkeit spüren und uns daran freuen. 
Buddha soll gesagt haben: «Nimm dir jeden Tag Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, die in dir schwingt.» In besonderen Momenten gelingt uns das, und die Frage nach einem darüber hinausgehenden Sinn erübrigt sich. Aber oft fehlt uns diese reife, einfache Erfahrung, und dann suchen wir weiter nach Sinnhaftigkeit. Und obwohl das Leben an sich möglicherweise keinen Sinn hat, macht es Sinn, unser Leben sinnvoll zu gestalten. Pablo Picasso meinte dazu: «Der Sinn des Lebens besteht darin, deine Gabe zu finden. Der Zweck des Lebens ist, sie zu verschenken.» Damit spricht er die zwei wichtigsten Bereiche an, die unserem Leben Sinn geben können: die Selbstentfaltung und der Dienst an der Gemeinschaft.

Menschen brauchen Menschen
Wir erleben unser Leben erst dann als sinnvoll, wenn wir aus den Begabungen, die uns geschenkt wurden, etwas gemacht haben: aus unserer Liebesfähigkeit, Intelligenz, Körperkraft und Kreativität. Selbstentfaltung allein macht aber noch nicht zufrieden. Menschen sind Gemeinschaftswesen, und deshalb sind wir nur dann erfüllt, wenn ein Teil unseres Engagements auch dem näheren sozialen Umfeld und der Gesamtgesellschaft zugutekommt. 
Dazu brauchen wir kein künstlerisches Genie zu sein, wie Picasso es war. Im mitt­leren Lebensalter sorgen wir für die Familie und nützen der Gesellschaft im Beruf. Als Rentner kann man sich in einer Partei oder einem Verein engagieren.

Wer sein Potenzial, das ihm in die Wiege gelegt wurde, in Beruf, Familie und Hobby entfaltet, wer zudem nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen nützt, wer ein wenig dazu beiträgt, dass die Welt langfristig etwas besser und nicht schlechter wird, dessen Leben ist sinnvoll, ob man es nun von aussen oder von innen betrachtet.

Sinngemäss und angepasst aus dem Buch: «Der Sinn des Lebens» von Terry Eagleton; Verlag Ullstein, 2010, 160 Seiten, CHF 14.90.


 

Ein Rückblick auf mein jugendliches Alter. Oder früher war alles besser, fast alles. Oder das war's: