Tunesien 2014  

Meine weitere Reise durch Nordafrika im Oktober / November 2014. Eine Einschätzung nach der Jasmin-Revolution

Meine Eindrücke vor Ort: Tunesien befindet sich in einer sehr fragilen Übergangsphase, ist aber kein total destabilisiertes Land, dicht am Bürgerkrieg wie z.B. Libyen. Es gibt noch keinen traditionellen Jihadismus in der Bevölkerung, sondern eher importierte Strömungen aus Nah-/Mittelost und dem Golf. Gleichzeitig stellen Tunesier jedoch den höchsten Anteil an ausländischen IS-Kämpfern in Syrien und im Irak (so ein Mitglied des Secret Service). Es existieren auch keine "alteingesessenen" Guerilla-Banden, wie im ohnehin sehr wackligen Algerien. Auch eine florierende Geiselindustrie gibt es in Africa 91228Tunesien nicht. Algerien hingegen ist ein Pulverfass und wird früher oder später in die Luft fliegen mit gefährlichen Auswirkungen auch auf Europa. Im Gegensatz zur algerischen oder marokkanischen Garde National, ist mit der tunesischen Garde nicht zu spassen. Die Entschlossenheit dieser Organisation hat mich beeindruckt. Dass die Garde das Land fest im Griff hat und hinter der gewählten Regierung steht, konnte ich vor Ort feststellen. Auch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung steht heute hinter dem Staat und lehnt den Islamismus ab, auch wenn speziell im Norden, noch lange nicht alles rund läuft. Verdächtige Beobachtungen werden jedoch sofort gemeldet. Wenn man sich im Norden Tunesiens in den sauber gepflegten Olivenheinen aufhält, fern des 12Km no-go Streifens zur Grenze Algeriens oder im berüchtigten Nationalpark Djebel Chambi, ist die Gefahr, entführt zu werden, sehr gering. Die Gegend erinnert mich immer wieder an den Süden Spaniens, nur nicht mit den scheusslichen Plastikplanen mit denen in Almeria viele Km2 schönste Landschaft verschandelt wird. Im breiten südlichen Gürtel, in der Phosphatpfanne bei Metlaoui und Gafsa, haben sich die sozialen Spannungen seit meinem letzten Besuch allerdings verschärft, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch und liegt aktuell bei über 50%, auch wenn die lokalen Politiker das herunterspielen. Metlaoui z.B. ist provinziell, unspektakulär und schmutzig. Wer kann, verlässt diese Gegend, wo der dauernde Phosphatstaub in der Luft langsam die Lungen zerstört. Die Bevölkerung ist hier auch gegenüber Touristen, nicht mehr so entspannt wie früher. Das habe ich anlässlich eines Besuches in einem der zahlreichen „Cafés“ in Gafsa hautnah zu spüren bekommen. Die meist jugendlichen Gäste sitzen mit leeren Taschen da und schlagen sich den Tag um die Ohren. Die eher feindseligen Blicke hellten sich erst auf, als ich eine Runde Cola und ein Sandwich offerierte. Jetzt wurden sie gesprächig und klagten über ihr Schicksal und dass sie überhaupt keine Perspektiven hätten. Ja und das immer mal wieder Salafisten aufkreuzen und ihnen Wunder versprächen, wenn sie denn nach Syrien oder in den Irak zum Kämpfen bereit seien. Was mich bei den Gesprächen immer wieder erstaunt, sobald sie erkennen, dass man Schweizer ist, ist das Eis gebrochen.
Gepflegte Soldatenfriedhöfe z.B. bei Qued Zarga mit christlichen Symbolen zeigen deutlich die Toleranz der muslimischen Bevölkerung Tunesiens.
1% Christen 1% Juden leben seit_Jahrhunderten_friedlich_nebeneinander.

Meine Einschätzung nach dieser weiteren Reise durch den Maghreb: Tunesien ist relativ sicher, wenn man sich an die Empfehlungen der Garde National hält. Algerien ist im Süden extrem gefährlich! Alleinreisende laufen Gefahr entführt oder ermordet zu werden.
Das sollte uns Angst machen: Sollten sich die Algerier und Marokkaner ebenfalls für eine Revolution begeistern lassen, wird’s ungemütlich auch für Europa. Dann brechen einige Zehntausend auf ins gelobte Land Europa. Geschätzte zweihundertfünfzigtausend Schwarze aus dem mittleren Afrika sind bereits unterwegs. Die Mehrheit wird den Sprung über das Mittelmeer schaffen und sie werden irgendwann in Italien oder Spanien ankommen. Nein, ich habe keine Lösung für dieses Problem! Fragen wir die Amerikaner, die tragen eine erhebliche Mitschuld am Desaster im nahen Osten und in Nordafrika. Aber das ist eine andere_Geschichte.

- Der Verdienst eines Dattelpflückers beträgt 10.- Dinar / Tag, wenn’s denn Datteln zum Pflücken gibt.
- Eine Hotelangestellte in Hammamet verdient 300.- Dinar/Monat wenn’s denn Gäste im Hotel hat.
- Ein Lehrer verdient 1‘200.- Dinar/Monat mit Klassengrössen von 30 – 40 Kindern
- Ein Polizist verdient 800.- Dinar/Monat inkl. Nacht- und Wochenendedienst
- Ein Staatsangestellter verdient 700.- Dinar / Monat wenn er denn eine Ausbildung hat
- Ein neues Auto gibt’s ab 25‘000.- Dinar
- Eine 4-Zimmer Wohnung kostet etwa 300 Dinar / Monat
- Für Essen gibt eine tunesische Familie mit 3 Kindern etwa 120.- Dinar / Woche aus.

- Ein Dinar ist rund CHF 0.50. Irgendwie geht die Rechnung nicht auf, aber alle leben irgendwie!